eparo – Digital Service Design

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18. November, 2017

Rückblick: World Usability Day 2017 in Hamburg

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Autorin: Christina Höhnen
Das Begrüßungsspiel
Am 9. November fand zum zwölften Mal der World Usability Day in Hamburg statt. Wie immer in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) und organisiert von eparo. Neben den alljährlichen Themen der digitalen Produktentwicklung, User Experience und Usability ist “Inklusion” das Schwerpunktthema des diesjährigen #WUDHH.

Passend zum Überthema startet der WUD 2017 für die gut 500 Teilnehmer – Rekord! – mit einer spontanen Kennenlernrunde, in der sich UX-Designer, Entwickler und Projektmanager aus den unterschiedlichsten Unternehmen gegenüberstehen.

Inhalte sollen keine Einbahnstraße sein

Mit einem digitalen “Werkzeugkasten” betritt Webentwickler Jonas Jared Jacek als erster Speaker die Bühne des Forum Finkenau. Im Gepäck sind Basis-Tools und Leitlinien für Entwickler, die Menschen weltweit mit Beeinträchtigungen den Zutritt zum Internet erleichtern sollen. “Die Möglichkeit das Internet zu nutzen, unabhängig von Behinderung, ist ein wesentlicher Aspekt der Universalität des WWW”, lautet seine Grundthese. Dazu führt er die Zuhörer, nach einer kurzen Entstehungsgeschichte des Internets, in die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) ein.

Sie lassen sich im Wesentlichen auf vier Prinzipien zusammenfassen:

  1. Wahrnehmbarkeit
  2. Bedienbarkeit
  3. Verständlichkeit
  4. Robustheit

Dazu gehört neben deutlichen Kontrastwerten, skalierbaren Inhalten und Alternativtexten, vor allem die Multimodalität: “Inhalte sollen keine Einbahnstraße sein”, so Jacek. Sehbehinderte sollten alle Inhalte auch via Audio abspielen und Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen Videos mit Untertiteln anschauen können. Für Menschen, die an Lernschwächen wie Legasthenie leiden, empfehlen sich Inhalte in einfacher und leichter Sprache. Sie können auch für Menschen ohne Leseschwäche nützlich sein – zum Beispiel, wenn wenig Zeit zum Lesen bleibt.

Wie sich das Lesen für die drei Millionen Legastheniker in Deutschland anfühlt, wird Bettina Andresen später in ihrem Vortrag über inklusives Grafikdesign zeigen: Die Buchstaben springen wild umher. Die richtige Schriftart kann Abhilfe schaffen. Neben der altbewährten “Arial” hilft, die nach der Lernschwäche benannte “Dyslexie”, das “Springen” der Buchstaben zu reduzieren.


Außerdem sollte laut den WCAG eine Webseite allein mit der Tastatur bedienbar sein. Passend dazu werden parallel im Workshop von Vera Marie Rodewald “Bananen mit Katzen gesteuert” – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Teilnehmer sollen aus frei wählbaren Materialien Spielcontroller bauen. Wenige Stunden später wird Super Mario mit Fußpedalen aus Pappe, oder Kopfsteuerungen aus Alufolie und Eierkartons erfolgreich durch’s Kultgame navigiert.

Ist Deutschland ein Accessibility Champion?

Während Super Mario noch mit dem Sammeln von Sternen und Pilzen beschäftigt ist, zeigt nebenan das Team von eSailors in einem weiteren Workshop, wo die “Persona-Reise hingeht”. Das Thema wird in der Podiumsdiskussion “Innovation durch Inklusion” im Forum in Richtung Inklusion erweitert.“Spitze Zielgruppen und ‘Personas’ bedeuten, dass Anwendungen nur auf ein Prozent der Bevölkerung ausgelegt sind. Können wir uns das erlauben? Ich denke nicht”, so eröffnet Thorsten Wilhelm, eResult-Gründer die Runde. Mit den anderen Podiumsteilnehmern wird darüber diskutiert, wie Inhalte einem möglich breiten Spektrum zugänglich gemacht werden können und wie durch Inklusion innovative Techniken und Formate entstehen.

Podiumsdiskussion zu "Inklusion durch UX"

Während der Diskussion wird klar: Deutschland gehört noch nicht zu den Accessibility-Champions. Laut Jörg Morsbach von anatom5 seien die technischen Möglichkeiten schon da, nur der gesetzliche Druck fehle. Der könne jedoch Ende 2018 erwartet werden. Dann tritt die EU-Richtlinie 2102 auf Bundes- und Länderebene in Kraft. Das könnte neuen Schwung in die Sache bringen. Laut Brigitte Bornemann von BIT Design komme Inklusion oft nur voran, wenn jemand in den führenden Ebenen einen persönlichen Bezug zu dem Thema hat. Erleidet zum Beispiel nach einem Unfall die Frau eines CEOs bleibende Sehschäden, dann werden Ressourcen für inklusive Inhalte, der Erfahrung nach, schneller bereitgestellt.

Positive Entwicklungen gibt es aber bereits: Kirsten Bergmann von der Universität Bielefeld berichtet von Robotern, die mit autistischen Kinder interagieren. Autisten haben Probleme, Emotionen in der Sprache zu erkennen und sind oft überfordert. Die Roboter können Sprache regulieren und damit Kindern nach und nach menschliche Interaktion näherbringen.

Sprachassistenten werden immer menschlicher

Um sprechende Techniken geht es auch im Cellular-Workshop “What the Voice”. Dort konzipieren die Teilnehmer ihre eigenen “Siris” und “Alexas”. Wozu diese Sprachassistenten fähig sind, erklärt Dirk Platzek von Wunschfeld später im Ditze Hörsaal: Sie erwerben durch neue Algorithmen immer mehr menschliche Attribute und binden sich so intensiver an den Nutzer. Sprachassistenten scheinen eine Persönlichkeit und Humor zu haben, erkennen Familienmitglieder und sprechen sie gezielt an. Es sind in Zukunft noch weitere Fortschritte zu erwarten: Jede “Siri” könnte einzigartig werden, Kontext erkennen und fähig sein zu plaudern. “Nichts davon ist abwegig”, betont Platzek zum Ende.

Mittagspause: Freier Input, freie Brötchen

Gesundes FrühstückTrotz des freien Eintritts gab es – den Sponsoren sei Dank – in der Mittagspause belegte Brötchen, Gemüsesticks und Getränke. Hinter dem Catering stecken Auszubildene der Produktionsschule Altona. Dort lernen Jugendliche, die schulische Probleme hatten, ein Handwerk oder werden für die Gastronomie ausgebildet. Glaubt man meinem Geschmack und dem Teilnehmer-Lob auf der “Feedbackwall”, dann machen sie einen tollen Job.

Der Mensch gehört in den Fokus, nicht das Produkt

Nach der Pause stellt Speaker Marcel Semmler von Bauer Xcel Media  im Forum Finkenau die Frage: “Was passiert, wenn alle im Unternehmen eine gemeinsame Produkt-Denkweise haben?” Er plädiert für das “Shared product Mindset”, schließlich sei mittlerweile alles Teil des Produkts. “Shared mindset” steht dabei für eine gemeinsame Vision. Dazu brauche es mehr Transparenz, Verantwortung und Agilität. Vor allem sollen Defizite in der Kommunikationskette reduziert werden und der Nutzer im Fokus stehen.

Dieser Meinung ist auch Heiko Tullney von INDEED Innovation: “Es geht darum wie relevant ein Produkt für den Menschen ist”, erklärt er in seinem Vortrag im Ditze Hörsaal. Design sollte nicht auf das Produkt selbst, sondern auf den Anwender ausgelegt werden. Usability entstehe, wenn der Mensch beachtet wird. Wichtig seien der funktionale und emotionale Wert, sowie die soziale Komponente. Auch für Sonja Wettermann von der DIAS GmbH kann die Herausforderung der “menschlichen Vielfalt” zum Motor für ein besseres Design werden. Wer nach den Vorträgen noch Redebedarf hat, nutzt die 20 Minuten Zeit im “Speakers Corner”, um persönliche in Kontakt mit dem Vortragenden zu treten.

Neue Plattformen für inklusive Zusammenarbeit

Mit Kommunikationsbedarf kennt sich auch Jan Persiel von Designstudio Persiel  bestens aus: In seinem Vortrag im Ditze Hörsaal beschreibt er die harte Realität, die nach einem euphorisch gewonnenen Projekt-Pitch eintritt. Es geht um den typischen “Struggle” zwischen Designer, Entwickler, Datenschützer und dem lieben Kunden. Ein Kampf um Farbpaletten, Budget, Bildrechten und Timing – und das dargestellt mit einer gehörigen Portion Glitzer und Einhorn-Content. Dadurch wird er zum “Folien-Liebling” des WUD 2017.

Damit Projekte nicht wie in Jan Persiels Vortrag in der “Hölle” landen, hat er folgende Tipps parat. Unter den Protagonisten soll für Verständnis untereinander gesorgt werden. “Gebt auch ruhig mal mehr Feedback” ermutigt er. Ein weiteres wichtiges Tool sind laut ihm “Pattern Libaries”. Das sind gemeinsame Sammelstellen für Design und Entwicklung, bei denen jeder leicht Zugang auf den aktuellen Arbeitsstand und Formate für ein lebendiges Arbeiten hat. Eine weitere Ansage Persiels: ”Raus aus der Komfortzone und rein in den Browser.”, sprich das Layout dort ansehen, wo es am Ende für den User funktionieren muss und nicht in der eigenen Bearbeitungssoftware. Der Nutzer soll im Fokus stehen, deswegen ist es umso wichtiger zu sehen, wie die Inhalte auf Desktop und mobilen Endgeräten nutzbar sind.

Auch Speaker-Nachfolger Max Schneider-Ludorff von Interone ist der Meinung, dass Entwickler und Designer unbedingt auf einer Plattform zusammenfinden sollten, um Frust, Wildwuchs und unnötige Doppelarbeit zu verhindern. In seinem Vortrag an gleicher Stelle stellt er Plattformen wie “Zeplin” dar, auf denen Entwickler Vorlagen der Designer selbstständig in beliebigem Dateiformat herunterladen können. Der Designer kann sich dagegen ohne Nachfragen den CSS-Quellcode bestimmter Elemente ziehen – so entstehen Transparenz und Effizienz.

Product Discovery Workshop von Otto
Transparenter sollte auch die Webseite der HAW Hamburg gestaltet werden – vor allem für ausländische Studenten, die dort studieren möchten. Teilnehmer des Otto-Workshops “Product Discovery Methoden” stellen ihre Verbesserungsvorschläge im wohl schönsten Konferenzraum der Hochschule vor.

Währenddessen will das Team von INDEED Innovation im Workshop ”Design for the poorest communities” den Spirit von Walt Disney wiederbeleben. Mit der Disney-Methode sollen Ideen entstehen, die Gleichberechtigung schaffen – und zwar für diejenigen, die sonst in der digitalen Revolution auf der Strecke bleiben. Die Teilnehmer werden in der Findung so zu Träumern, Realisten und Kritikern. Eine vielversprechende Denkweise, die einigen sicherlich auch zukünftig bei der ein oder anderen Problemstellung helfen wird.

Der WUD Hamburg neigt sich dem Ende und die Teilnehmer stoßen mit den Speakern, Veranstaltern und Sponsoren bei Bier und Wein auf einen gelungenen WUD 2017 an. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Trotz der Bemühungen von eparo konnten nur wenige weibliche Speaker gewonnen werden. Auch diese Gleichstellung gehört zur Inklusion und zeigt, dass noch ein Stück Arbeit vor uns liegt. Nichtsdestotrotz bleibt ein Tag voller Input, bei dem die größte Erkenntnis eine gemeinsame ist: Wir müssen alle an einem Strang ziehen, eine gemeinsame Vision verfolgen und uns in die Perspektive von anderen hineinversetzen. Nur so kann etwas entstehen, bei der niemand auf der Strecke bleibt.

 

 
22. Mai, 2017

Therapeutisches Videospiel „Memore“ in der Produktreiferei

Wir waren selbst neugierig und haben Memore ausprobiert :-)

Wir waren selbst neugierig und haben Memore ausprobiert.

In der Produktreiferei testen wir innovative Startup-Produkte. Diesmal haben wir die therapeutische Videospielkonsole MemoreBox mit drei 70+ Probanden über drei Stunden getestet und spannende User Insights gesammelt!

Gaming mal anders!

Am 11. Mai haben wir die therapeutische Videospielkonsole MemoreBox getestet. Memore wird vom Social Startup RetroBrain entwickelt und wurde speziell für Senioren konzipiert. Über die gestenbasierte Steuerung mit einer Microsoft Kinect werden am TV mit verschiedenen Spielen Gleichgewichtssinn und Beweglichkeit trainiert – das mussten wir unbedingt testen! Also haben wir drei Nutzer im Alter von 70+ eingeladen, vor einen großen Fernseher gestellt und dann einfach mal geschaut, was passiert. Fazit: Unsere Probanden haben sich generell gut in den einzelnen Spielen zurechtgefunden. Bei der Navigation durch das Menü haperte es an einigen Stellen, aber der Spaßfaktor stimmte auf jeden Fall! Können wir auch so bestätigen. Wir waren selbst neugierig und haben Memore ausprobiert :-)

Testbeobachtung

Trotz des guten Wetters am Testtag kamen zahlreiche Produktreifer zur Testbeobachtung. Während wir den Probanden beim Spielen von Memore zuschauten, hielten wir die beobachteten Reaktionen und Probleme direkt auf Post-Its fest.

Nach jedem Test wurden die zahlreichen Notizen auf unserer über 20m² großen Whiteboardwand gesammelt. So füllte sich der Raum schnell mit vielen bunten Post-Ist. Testauswertung

Nach den Nutzertests haben wir die Post-Its gemeinsam sortiert und zu Clustern zusammengefasst. So zeigte sich schnell, an welchen Stellen es Nutzungsprobleme gab. Zusammen mit RetroBrain haben wir mögliche Optimierungsansätze für das Interface und die Gestensteuerung erarbeitet und diskutiert und den Abend dann gemütlich bei einem Bierchen ausklingen lassen. Unser Learning: Gesten, bei denen der Nutzer die Arme oder Beine heben muss, sind vollkommen neu und ungewohnt. In diesem Feld Interaktionen zu gestalten ist echt nicht so einfach. ;-)

PostIts

Was tun wir in der Produktreiferei?

Startup-Produkte aller Art werden in der Produktreiferei mit der Nutzerzielgruppe auf ihre User Experience und Usability getestet. Zu jedem Termin gibt es von uns ein kostenfreies Mini-UX-Testing für ein Startup. Über unser Meetup laden wir euch zum Mitmachen ein. Ihr könnt die Nutzertests gemeinsam mit uns beobachten, lernen, wie UX-Tests funktionieren und dabei helfen, die Produktideen zu verbessern. Genaueres könnt ihr hier nachlesen.

Du hast eine Produkt-Idee, die getestet werden soll? Schreib uns: https://www.eparo.de/produktreiferei

 
25. November, 2016

Der World Usability Day durch die „Nutzerbrille“ eines Außenstehenden

Redaktion: Beate Winter

Vor einer Woche fand der World Usability Day (WUD) auch wieder in Hamburg statt. 400 Teilnehmer waren in diesem Jahr auf dem Campus der HAW Hamburg. Ein neuer Rekord. Diesjähriger Schwerpunkt: Sustainable (green) User Experience. Was ist denn eigentlich Sustainable oder Green UX? Diese Frage wurde immer wieder gestellt. Auch von Experten. Antworten erwarteten wir von der German UPA und haben Vertreter des Berufsverbandes eingeladen. Außerdem sollten natürlich Vorträge und Workshops, Diskussionen und Gespräche während der Konferenz zur Klärung beitragen. Erstmals haben wir auch einen Journalisten und Texter eingespannt. Bewusst haben wir jemanden ausgesucht, der nicht aus „der UX- Szene“ kommt. Eine Reportage von Torsten Sannwald über den Tag, der die Welt verbessern soll.

Neues für Nutzer

Das Forum der Ideen auf dem World Usability Day 2016 in Hamburg

WUD 2016 Hamburg, Julian Mengel

CO2 arme Websites? Stellen wir uns vor, das Internet sei ein Land. Dann wäre es in puncto Stromverbrauch das sechstgrößte Land der Erde. In seinem Vortrag (Vortragsfolien) rechnet der studierte Biologe Julian Mengel vor, dass durch lange Ladezeiten und riesige Bilddatenflut weltweit Millionen Tonnen an CO2 in die Atmosphäre geblasen werden. Die Lösung zur Minimierung kostet weder Geld noch Aufwand. Bei der Erstellung von Websites einfach Bilder komprimieren und auf das Performance Budget achten – bei mobiler Nutzung zum Beispiel eine Ladezeit von maximal drei Sekunden. Auf diese Weise konnte etwa bei einem großen deutschen Webservice die Ausstoßlast um zwei Drittel reduziert werden.

Ein erstes Aha-Erlebnis. Denn das leuchtet selbst dem ein, der sich unter Usability oder User Experience nur schemenhaft – unter Sustainable User Experience überhaupt und rein gar nichts vorstellen konnte. Denn meine Digital-Affinität beginnt bei Emails und hört bei Spiegel Online und car2go auch schon auf. Gleich bei der Einladung zum WUD wies ich ausdrücklich auf mangelnde Kenntnisse hin, jedoch wies man mich daraufhin genauso ausdrücklich darauf hin, dass dieser Umstand nicht schlimm – sondern es im Gegenteil ganz interessant sei, mal zu lesen, wie der WUD auf jemand wirke, dessen Kernkompetenz – um es vorsichtig auszudrücken – nicht gerade im Digital Business liegt.

 

Abgesehen von mir sind die restlichen der rund 400 Besucher aber schon alle mehr oder weniger vom Fach. Viele sind hier, die sich austauschen und inspirieren möchten, wie der Art Director, dessen Kollegen in der Agentur Jobs immer nur standardmäßig abarbeiten – es sei denn, es kommen veränderte Vorgaben vom Chef oder vom Kunden selbst. Eigeninitiative und Kreativität? – Fehlanzeige. Oder der Creative Director, der hier nach talentiertem Nachwuchs sucht. Oder die zwei Interaction Designerinnen, die mit spezifischen fachlichen Fragen kollegiale Unterstützung erhoffen. Oder der Manager aus dem Führungsteam eines schweizerischen Wasserversorgers, der hier bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitsapplikationen wertvolle Impulse mitnehmen möchte.

WUD 2016 Hamburg, Christoph Buckler

Dass Sustainable (green) UX neben der technischen vor allem auch über eine gesellschaftliche Dimension verfügt, erörtert Christoph Buckler in seinem Vortrag „Designprinzipien für Green UX“ (Vortragsfolien). Darin geht er auf die besondere Verantwortung von Designern und Entwicklern ein. Er beschreibt Möglichkeiten zur Einflussnahme auf umfassendere Problemlösungen, die sich nicht nur auf die Optimierung der Performance beschränkt – sondern sich auf den gesamten Lebenszyklus bis hin zum Recycling eines Produktes erstreckt.

WUD 2016 Hamburg

In „Digitale Communities für ländliche Regionen“ (Vortragsfolien) wird’s amüsant. In Wort und Bild beschreibt Steffen Hess, Fachvorstand von German UPA, Stolpersteine, die zwischen Konzeption und nutzertauglicher Umsetzung einer digitalen Packstation liegen können. Das Projekt im Rahmen der »Digitalen Dörfer« vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE, zeigt, wie Mobilität und Logistik mit intelligenter Technologie verzahnt werden kann, sodass für Bevölkerung und Unternehmen ein Mehrwert entsteht.

 

In der Mittagspause plaudere ich am Stand von Ratio Drink, einem Kooperationspartner des WUD. Deren „Konferenzflasche“ ist eine weitere Interpretation zum Thema Usability. Das Produkt wird hauptsächlich von Gastronomie und Cateringfirmen bei Veranstaltungen eingesetzt. Es besteht aus einer Glasflasche, die der Besucher mit seinem Namen beschriftet und während der gesamten Veranstaltung behält und wiederverwenden kann. An einer Auffüllstation stehen Container mit Bio-Sirups in verschiedenen Geschmacksrichtungen bereit, die einfach mit Wasser angerührt werden. Und so wird mit diesem Konzept der Konsument – schwuppdiwupp – selbst zum Getränkeproduzenten.

(Fotos Lego Serious Play Workshop: © O. Lorenzen-Schmidt)

Tausende von Legosteinen warten am Nachmittag gespannt darauf, was aus ihnen wird. Eine möglichst lange, möglichst stabile und möglichst schöne Brücke; die Materialisierung eines persönlichen Wunsches; oder der Ausdruck dessen, was man selbst unter Sustainable UX versteht – so lauten die Aufgaben beim Lego Serious Play Workshop von Irene Schuler. Auf abstrakte Aufgaben hin werden alleine oder in der Gruppe Ideen erarbeitet, bei denen sich die Entwicklung der Lösung aus der Visualisierung ergibt – Kreativität aus dem Zusammenspiel von Kopf-Bewusstsein und Unterbewusstsein, dass seinen Ausdruck über die Hände findet. Am Tag eins nach der Wahl eines Präsidenten, der die Zukunft mit den Rezepten von gestern zu gestalten verspricht, ist das ein moderner Konzeptansatz mit ungleich mehr Potenzial.

Damit findet ein inspirierender Tag seinen leichten, erlebnisreichen und unterhaltsamen Ausklang. Fazit: als einer, der noch aus der guten alten Zeit der Print-Werbung kommt, in der es darum ging, meist Unnützes möglichst geländegängig an den Konsumenten zu bringen, habe ich beim WUD erfahren, dass User Experience oder Usability organischer Bestandteil einer erweiterten Form von Kommunikation ist. Einer Kommunikation, die dem Konsumenten natürlich auch etwas verkaufen will, ja – aber darüber hinaus den Anspruch hat, an einem positiven gesellschaftlichen Wandel mitzuarbeiten.

 
20. Oktober, 2016

World Usability Day 2016 – Mit User Experience zu mehr Nachhaltigkeit

blogbeitrag

Usability und User Experience (UX) sind zwei wesentliche Produktqualitäten, die heutzutage den Unterschied ausmachen. Über lange Zeit vernachlässigt, erreichen diese mittlerweile in Deutschland eine immer größere Sichtbarkeit. Nicht ganz unbeteiligt daran sind zahlreiche engagierte Designer, Psychologen, Informatiker und viele Weitere, die täglich ihre Fahne hochhalten und an Produkten für die Menschen und mit den Menschen arbeiten. Dabei stehen nicht die Technologien im Vordergrund, sondern die Menschen, die von Technologien unterstützt werden.

Um die bisherigen Errungenschaften und Erkenntnisse zu den Themen Usability und User Experience gemeinsam zu feiern sowie deren Bedeutung in die Welt zu kommunizieren und zu stärken, findet am 10. November 2016 der mittlerweile 12. World Usability Day (kurz: WUD) statt. Insgesamt gibt es an dem Tag weltweit rund 200 kostenfreie Veranstaltungen in mehr als 40 Ländern und auch Deutschland ist mit fast 20 Standorten wieder dabei. Der WUD in Deutschland ist eine Veranstaltung der German UPA (Berufsverband der Deutschen Usability und User Experience Professionals) und wird in Hamburg seit 2007 von eparo in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW Hamburg) organisiert.

Auf dem WUD in Hamburg möchten wir die Auswirkungen interaktiver Produkte und Systeme auf unsere Welt zusammen mit den Teilnehmern betrachten und diskutieren. Dazu wird es 11 spannende Vorträge und verschiedene Workshops geben. Das diesjährige Schwerpunktthema ist „Sustainable (Green) UX“ – doch was kann man darunter eigentlich verstehen? Wir haben unsere Besucher aus dem letzten Jahr gefragt und festgestellt, dass viele zum ersten Mal von Nachhaltigkeit in Verbindung mit UX hören und sich darunter nichts Konkretes vorstellen können. Daher haben wir Holger Fischer, den Vizepräsidenten der German UPA, gebeten, einmal genauer zu erläutern, was „Sustainable User Experience“ bedeutet:

Holger Fischer, Vizepräsident der German UPA

Das Thema in diesem Jahr lautet „Sustainable User Experience“. Doch wie passt das Thema Nachhaltigkeit mit User Experience zusammen? Nachhaltigkeit und User Experience sind von Beginn an miteinander verflochten und verfolgen eigentlich die gleichen Ziele. Sie beide fokussieren das Produkt von der Schaffung bis zur Erfahrung für Menschen und schaffen das beste Erlebnis. Grüne und nachhaltige Produkte berücksichtigen Ziele wie Recycling, Wiederverwendung und schrittweise Verbesserung. Es geht darum, bestehende Produkte und Dienstleistungen zu nehmen und Wege der Entwicklung zu verfeinern, neu zu gestalten, sie effektiver, effizienter und wiederverwendbar in einer Weise zu machen, um das Leben eines jeden Menschen zu verbessern. Dabei lassen sich drei verschiedene Bereiche der Nachhaltigkeit betrachten, die miteinander einhergehen: Ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Nachhaltigkeit.

Ökologische Nachhaltigkeit: Die ökologische Nachhaltigkeit thematisiert die Ressourcenschonung und lässt sich auch als „Green UX“ bezeichnen. Durch die Digitalisierung sämtlicher Lebens- und Geschäftsbereiche wird so beispielsweise versucht, das „papierlose Unternehmen“ zu realisieren, indem Rechnungen, Aufträge, Verträge und vieles Weitere nur noch digital erstellt, verschickt, verarbeitet und archiviert wird. Zudem wird ebenfalls das Thema Energie in den Fokus gerückt. Apps auf unserem Smartphone oder im Unternehmen helfen uns dabei unser Haus oder Unternehmensgebäude intelligent zu gestalten und so auf unseren Energieverbrauch zu achten.

Gesellschaftliche Nachhaltigkeit: Eng mit der ökologischen Nachhaltigkeit ist auch die gesellschaftliche Nachhaltigkeit verbunden. Ein wesentlicher Aspekt der UX ist unter anderem die intrinsische sowie extrinsische Motivation der Gesellschaft. UX kann hierbei helfen, die Einstellung jedes einzelnen zu prägen, ihnen das Thema der Nachhaltigkeit näher zu bringen sowie bewusst zu machen und deren Persönlichkeit mit zu entwickeln. Über ein entsprechendes Nutzererlebnis, bei dem sich Personen aktiv mit Ökologie und Ressourcenschonung auseinandersetzen, entstehen neue innovative Ideen. Mit Gleichgesinnten vernetzt, entsteht hier das Potential, dass diese Ideen eine nächste Ebene erreichen.

Wirtschaftliche Nachhaltigkeit: UX in Bezug auf die wirtschaftliche Nachhaltigkeit fokussiert unter anderem die Wiederverwertung von existierenden Konzepten, Produkten und Dienstleistungen. Bestehende Wege der Entwicklung lassen sich durch UX verfeinern, erneuern sowie effektiver, effizienter und wiederverwendbar gestalten. Eine entscheidende Ressource für Innovationen im Unternehmen sind deren Beschäftigte. Damit Innovation entstehen können, bedarf es entsprechender Freiräume und Unterstützungsmöglichkeiten. Durch angemessene und gebrauchstaugliche Apps und Systeme zur digitalen Assistenz der Beschäftigten, können diese sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und gezielt gefördert werden. Dabei lässt sich zudem auch Inklusion realisieren und eine soziale Gleichheit herstellen. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit in der UX ist somit auch eng mit dem aktuellen Thema „Arbeit 4.0“ verknüpft.

Arbeit 4.0 ist ein Begriffskonstrukt, dass die zunehmenden direkten und indirekten Wechselwirkungen der Digitalisierung auf sämtliche Prozesse der Arbeitsgestaltung, Arbeitsorganisation und Arbeitsbedingungen sowie Aus- und Weiterbildung beschreibt.  Neue Technologien verändern ganze Wertschöpfungsketten und generieren neue, digitale Geschäftsmodelle. Gleichzeitig verkürzen sie Software-Innovationszyklen und führen neue Mensch-System-Schnittstellen ein. Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind Veränderungen menschlicher Arbeitsabläufe. Menschen erhalten neue Verantwortungen und büßen gleichzeitig Wissen und Kompetenzen ein. Dabei entsteht die Frage, ob die Technologie oder der Mensch die Kontrolle hat und die Entscheidungen trifft. Arbeit 4.0 thematisiert unter anderem Aspekte der Selbstorganisation und diskutiert neue Arbeitsformen, bspw. agile Unternehmensstrukturen. UX unterstützt dabei die positiven Veränderungen der Arbeitswelt hin zu mehr Flexibilität, Zufriedenheit und einem besseren Miteinander. Dadurch wiederum werden Bedingungen geschaffen, die eine nachhaltige und ganzheitliche Entwicklung gebrauchstauglicher Produkte und Services fördern. Das heißt, dass sich die Nachhaltigkeit auch auf den UX-Prozess als solches beziehen kann. Projekte sollten nicht nur auf der inhaltlichen Ebene mit den Auftraggebern durchlebt, sondern diese auch während des gesamten Projektes eingebunden werden. Es geht demnach auch darum, beim Auftraggeber das Wissen über die UX-Vorgehensweise zu transferieren, um ihn beim Wandel der Organisationskultur bzw. Denkweisen im Unternehmen zu unterstützen.

Zusammenfassend ist „Sustainable UX“ also ein vielseitiges Thema, welches drei wesentliche Ziele verfolgt:

  1. Gestaltung eines positiven Einflusses – auf den Klimawandel, soziale Gleichheit und Inklusion
  2. Förderung eines „grünen“ Verhaltens durch Apps und Co.
  3. Bildung einer ganzheitlichen Sicht der Nachhaltigkeit

Ethik, Werte und Handeln stehen im Fokus. Usability und User Experience Professionals nehmen dabei verschiedene Rollen ein, damit diese ambitionierten Ziele erreicht werden können. Sie sind Erzieher und somit verantwortlich für Bildung durch formelles oder informelles Lernen. Über positive Nutzererlebnisse prägen sie die Denkweisen in unserer Gesellschaft. Als Innovator realisieren sie neue Ideen und zeigen, welchen Unterschied eine positive UX ausmachen kann. Bestes Beispiel hierfür ist Steve Jobs, der mit seinen Produkten das digitale Zeitalter der letzten Jahre entscheidend geprägt hat. In der Rolle des Disruptor rufen UX Professionals radikale Veränderungen hervor. Bekannte Beispiele hierfür sind Airbnb oder Uber. Hierbei sind gänzlich neue, digitale Geschäftsmodelle entstanden. Airbnb besitzt keine eigene Immobilie und Uber kein eigenes Taxi, aber beide haben den Zahn der Zeit getroffen und vernetzen Gleichgesinnte, die Wohn- oder Fahrgemeinschaften bilden möchten und einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.

Die Profession der Usability und User Experience Professionals ist vielseitig und multidisziplinär. Sie reduzieren Barrieren und bauen Brücken zu anderen Disziplinen. Es liegt an jedem Einzelnen, diese Verantwortung zu übernehmen, wenn wir unsere Welt ein Stückchen besser machen und genießen wollen.

 
12. September, 2016

Eyetracker per Post: Mit Eyevido funktioniert Eyetracking auch Remote

Vor einigen Monaten hat mich Cord-Christian Nitsche von maklaro auf Eyevido aufmerksam gemacht. Eyevido ist ein Startup aus Koblenz und bietet Crowd-Eyetracking an. Ich war ziemlich neugierig, wie das genau funktioniert.
Also haben wir eyevido zu uns eingeladen und das zum Anlass genommen, daraus ein Abend-Event rund um Eyetracking bei uns im Büro zu machen.

Klaus Wächter von EYEVIDO ist dafür extra aus Koblenz angereist und hat uns erklärt, wie es funktioniert:

  • Studie anlegen
  • Eyetracker per Post an die Probanden schicken (oder die Probanden vor den eigenen Rechner setzen)
  • Studie durchführen lassen (das geht alleine)
  • Studie auswerten (Heatmaps oder Blickverlaufsplots erstellen, Fragen auswerten)

matthias-probiert-eyevidoUm das Prinzip greifbarer zu machen, hat Klaus live eine Studie angelegt. Matthias sah seine Chance, endlich auch mal Proband zu sein (nicht immer „nur“ der Testleiter). Er musste dann rausgehen und wir haben uns eine ziemlich miese Studie überlegt. Danach musste er vor den ganzen Zuschauern so tun, als würde er unbeobachtet und in Ruhe die Beispiel-Website durchsuchen.
Es war schon ziemlich beeindruckend, wie einfach man mit dem Auswertungs-Tool Heatmaps und Blickverläufe visualisieren kann.

Aus der Auswertung des kleinen Beispiel-Tests entstand schnell eine Diskussion, wann Eyetracking sinnvoll eingesetzt werden kann, wo die Grenzen liegen und welche Unterschiede sich im Vergleich zu Nutzerbefragungen in klassischen UX-Tests ergeben. Uns fehlte natürlich immer die Tonspur. Wenn ich ein merkwürdiges Verhalten beobachte, möchte ich ja immer direkt den Probanden befragen können.

Zum Spaß hatten wir übrigens mal die Ahnengalerie unserer Eyetracker mit aufgebaut. Vom ersten Gerät, was noch nen fetten Tower-PC brauchte, über die kleinen schmalen USB-Eyetracker bis zu unserer neuen Eyetracking-Brille. Schon irre, was sich da in den letzten 5 Jahren getan hat.

Auch wenn Crowd-Eyetracking Studien als eigenes Studienformat für uns wohl leider weniger interessant sind, da wir dann nicht direkt mit den Nutzern sprechen können, spielen wir seit dem Abend mit dem Gedanken, wie wir Eyevido mit in unser Test-Setup integrieren können. Mal sehen, was da geht…

Hier noch einige Beispiele von Eyevido:

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Eyevido: Attention Map

flyeralarm-gazeplot

Eyevido: Gazeplot

flyeralarm-heatmap

Eyevido: Heatmap

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Eyevido: Heatmap mit Areas of Interest

 
2. Juni, 2016

Produktreiferei #2 mit Veloyo

Produktreiferei Header

Alle zwei Monate testen wir eine Startup-Idee in unserer Produktreiferei. Das heißt es gibt von uns ein kostenfreies und offenes UX-Testing für ein Startup. Dabei können bis zu 20 Personen live zusehen und ihr Feedback geben. Die Beobachter können Nutzern über die Schulter schauen, lernen, wie UX-Tests funktionieren und helfen, die Produktideen zu verbessern. In der Kombination werden so aus Produktideen reife Produkte.

Das Startup: Veloyo  Plattform für mobile Fahrradreparatur

Copy of VLY_Back-DEDieses Mal war Veloyo bei uns. Veloyo bietet Nutzern die bequeme Buchung von Fahrradreparatur-Dienstleistungen über das Smartphone an. Der Nutzer knipst ein paar Fotos von seinem Fahrrad und den Schäden und verschickt die Anfrage zusammen mit dem georteten Standort des Rades. Anschließend meldet sich ein Mechaniker per Text-Chat beim Nutzer und stimmt einen Termin mit diesem ab. Über den Chat erhält der Nutzer dann Updates zur Reparatur.

Abgefahren! Ein Fahrrad im UX-Labor

IMG_0408Um das Nutzererlebnis rund um den Reparatur-Service möglichst ganzheitlich zu testen, haben wir keine Mühen gescheut. Wir haben Christian sein geliebtes Fahrrad abgeknöpft und es in unser UX-

Labor gestellt. Um die Test-Situation noch realistischer zu gestalten, musste noch ein Platten her und so fiel dann der hintere Fahrradreifen dem UX-Test zum Opfer.

Bildschirmfoto 2016-05-30 um 17.29.50

Den drei Probanden haben wir im Test unsere Eyetracking-Brille, die Tobii Glasses 2, aufgesetzt. Dadurch konnten alle Produktreifer quasi mit den Augen der Probanden sehen und genau mitbeobachten, was ein Proband am Smartphone tut und wo er dabei hinschaut. So konnten wir dank der drahtlosen Eyetracking-Brille live mitverfolgen, wie die Probanden um das Fahrrad herum gingen und dabei mit Smartphone-Kamera und Fahrrad interagierten.

Ergebnisse des Abends

AuswertungAuch diesmal wurden wieder eifrig bunte Post-Its beschrieben und unsere Workshop-Wand von unten bis oben vollgeklebt. Für die Auswertung schnappten sich jeweils zwei bis drei Produktreifer einen Themenkomplex, um die Ergebnisse zu sortieren und Erkenntnis-Cluster zu bilden.

Der Buchungsprozess wurde von allen drei Probanden ohne größere Schwierigkeiten durchlaufen. Vom Text-Chat mit dem Mechaniker waren die Probanden zwar überrascht – es klappte aber prima. Als Fazit kann gesagt werden, dass die Plattform von Veloyo bereits eine hochwertige User Experience bietet und es von Nutzersicht aus nur noch kleinere Akzente gibt, die weiter optimiert werden könnten.

 

 


Wir machen Sommerpause!

Der Sommer steht vor der Tür! Aus diesem Grund machen wir mit der Produktreiferei bis Ende August erstmal Sommerpause. Wir freuen uns schon auf weitere tolle UX-Testings im Herbst!

Wann genau es weiter geht, erfahrt ihr über unsere Meetup-Gruppe. Meldet euch gerne an: http://www.meetup.com/de-DE/Produktreiferei/events/229607151/

Du hast eine Produkt-Idee, die getestet werden soll? Dann geh auf unsere Seite und schreib uns: https://www.eparo.de/produktreiferei

 
21. März, 2016

NUMBER26 – Das Positiv-Beispiel für Banken?

number26-verifikation

Wie wird die Bank der Zukunft aussehen? Schon 2013 haben wir Prof. Dr. Jürgen Moormann in einem Interview gefragt und mögliche Gründe für die fehlende Modernisierung von Banking Services erfahren.

Diesmal schauen wir von der anderen Seite und haben dafür eine Bank ausgesucht, die bereits mit ihrem Konzept sich von anderen Banken unterscheidet. Ziel von NUMBER26 ist nämlich kein geringeres, als die Bank für die Hosentasche zu sein – von der Kontoeröffnung über die Überweisung bis hin zur Kartensperrung. Und der Erfolg gibt NUMBER26 recht: schon nach einem Jahr zählt die Bank mehr als 100.000 Kunden.

Aber wir wollten es genau wissen: Wie hat das Team bei NUMBER26 zusammen gearbeitet? Wie war der Entwicklungsprozess? Und wie wurden die rechtlichen Hürden, die eine Bank zu erfüllen hat, gelöst? Diese und weitere Fragen haben wir Helena Treck von NUMBER26 gefragt.

eparo: Wie verlief euer Konzeptionsprozess?

NUMBER26: Vor allem Valentin hatte bereits Erfahrung im FinTech Bereich durch seine Zeit bei Payleven und Paymills. Wir haben beobachtet, dass es in verschiedenen B2B Nischenbereichen Innovation im FinTech Bereich gab, der B2C Bereich in Deutschland noch ausschließlich von traditionellen Banken bedient wurde. Also haben wir uns an das Herzstück von Banking gewagt: Das Girokonto.

eparo: Und wie seid ihr vorgegangen? Womit habt ihr begonnen?

NUMBER26: Wir haben uns jeden Schritt im Banking einzeln angeschaut und hinterfragt ob das so nötig ist und wie man es besser gestalten kann. Muss man für die Konteröffnung in die Filiale? Nein. Muss eine Kartensperrung übers Telefon laufen? Nein. Und muss sie final sein? Nein. Muss die Karte in einem Brief geschickt werden? Nein. Sobald die Parameter abgesteckt waren, konnten wir kreativ werden. Und so sind wir zu dem Produkt gekommen das unsere Nutzer nun lieben. Wir entwickeln es immer weiter.

eparo: Ihr habt ja sicher nicht von Null auf angefangen. Was waren die wichtigsten Aspekte für euch beim Product Discovery Prozess?

NUMBER26: Erst hatten wir ein Konto für Jugendliche entwickelt, bekamen dann aber das Feedback von Freunden und Kunden, dass so ein Konto auch für eine größere Zielgruppe interessant ist. Nach Probleminterviews zum Thema Banking mit 100 Testpersonen und intensiven Feedbackloops haben wir den Prototyp gebaut. Bestätigt durch die größere Nachfrage in den Testfamilien war klar, dass wir NUMBER26 – wie es heute ist – umsetzen werden: Ein Girokonto für jeden, der transparentes Banking sucht. In die offene Phase sind wir nach einer internen Betatestphase übergegangen. Bei allen Schritten steht bei uns immer die User Experience bzw. Usability und Weiterentwicklung des Produkts im Vordergrund.

eparo: Das PostIdent-Verfahren ist nach unserer Erfahrung eine der größten Hürden für Neukunden von Banken und Versicherungen. Wie habt ihr es hinbekommen, das lästige PostIdent-Verfahren durch so etwas simples wie Video Chat zu ersetzen? Was habt ihr anders gemacht, als die größeren Banken?

NUMBER26: Wir arbeiten mit IDnow für die Identifizierung zusammen. Sie sind auch ein junges Startup, deswegen konnten wir ihre Services so schnell bei uns integrieren. Mittlerweile haben zwar auch traditionelle Banken dieses System integriert, allerdings ist es nicht so elegant und natively in deren Sign-up Prozesse eingebunden.

eparo: Das kann ja auch rechtlich schnell in die Hose gehen. Wie hart habt ihr gekämpft, um auch einen rechtlich-sauberen Service bieten zu können?

NUMBER26: Die Vereinbarung mit unserer Partnerbank Wirecard beinhaltet, dass sie sich um die regulatorischen Themen im Hintergrund kümmert, während wir für die Customer Experience verantwortlich sind. Wenn man seine Kunden und die zugrunde liegende Sicherheitsansprüche gut kennt, ist es mit Kreativität möglich auch in diesem strengen Rahmen die User-Experience zu verbessern.

eparo: Bei der Entwicklung einer neuen Bank ist Teamwork auf Augenhöhe gefragt – und sicher nicht immer einfach. Wie habt ihr im Team zusammen gearbeitet? Was für Abläufe hattet ihr?

NUMBER26: In der ersten Testphase bis zum Launch hat unser kleines Team von rund 10 Leuten sehr nah am Produkt gearbeitet. Schon damals haben wir sehr dynamisch gearbeitet, wobei sich jeder individuell mit eingebracht hat. Nach dem Launch stellten wir unsere ohnehin agilen Methoden komplett auf Scrum um und Design- sowie Quality Assurance fest in unsere Sprints integriert. Als das Team um das Produkt herum gewachsen haben wir unsere Strukturen und Abläufe natürlich nach und nach ausgebaut. Mittlerweile haben wir natürlich auch Marketing-, Customer Service- und Operationsteams, die nicht direkt am Produkt arbeiten, und hervorragend als Betatestgruppe fungieren.

eparo: Wie sieht dabei eure Unternehmenskultur aus? Gibt es eine stark-hierarchische Struktur oder ist es vielmehr wie in einem Startup mit flacher Hierarchie?

NUMBER26: Unsere Strukturen sind immer noch sehr flach. Jeder, der Ideen hat kann und soll sich mit einbringen und die Initiative ergreifen.

eparo: Glaubt ihr, dass eure Unternehmensgröße und eure Unternehmenskultur mit dem Endergebnis zusammenhängt? Wäre das auch in einer der großen Banken möglich gewesen?

NUMBER26: Auf jeden Fall gibt es da eine starke Wechselwirkung. Zum Einen haben wir schlanke Strukturen ohne Filialen und können ohne einen administrativen, über Jahre gewachsenen Overhead sehr effizient arbeiten. Zum Anderen haben wir ein herausragendes Team, mit sehr talentierten und überdurchschnittlich motivierten Mitarbeitern. Wir glauben hier alle an unsere Vision und scheuen uns nicht davor Dinge einfach auszuprobieren. Da müssen große Banken an viel mehr Fronten kämpfen als wir.

 
15. März, 2016

eparo Produktreiferei – Auftakt mit Meisterwerk

Produktreiferei Header

Alle zwei Monate testen wir eine Startup-Idee in unserer Produktreiferei. Von uns gibt es ein kostenfreies, offenes UX-Testing für ein Startup. Dabei können bis zu 20 Personen live zusehen und ihr Feedback geben. Die Beobachter können Nutzern über die Schulter schauen, lernen, wie UX-Tests funktionieren und helfen, die Produktideen zu verbessern. In der Kombination werden so aus Produktideen reife Produkte.

Frisches Brot und echtes Nutzer-Feedback

Meisterwerk_TeaserFür die erste Testing-Runde haben wir uns Vollkorn Internet mit ihrer Produktmarke Meisterwerk auf’s Korn genommen. Am 10. März versammelten sich das Team um Meisterwerk sowie die Produktreifer in einem unserer großen Workshopräume. Es sollte ein spannender und auch lehrreicher Abend werden.

Von Jan gab es eine kurze Einführung wie wir bei eparo testen, beobachten und auswerten. Unsere bunten Post-Its lagen schon bereit. Mit drei Probanden haben wir das gesamte Nutzererlebnis rund um das Produkt getestet: von Website über Online-Bestellvorgang bis hin zum Unpackaging eines Brotback-Sets. Neben live gestreamtem Nutzer-Feedback gab es frisches, selbstgebackenes Brot für die Beobachter. So konnten wir uns im Anschluss gut gestärkt an die Auswertung machen.

Key Learnings direkt zum mitnehmen

Auswertung_MeisterwerkIm Großen und Ganzen wurden Website und Packaging positiv von den Probanden aufgenommen. An verschiedenen Stellen gab es jedoch auch Unstimmigkeiten und Verwirrung. Während der Tests zeichneten sich schnell gewisse Auffälligkeiten und Probleme beim Umgang mit Website und Verpackung ab und im Laufe des Abends haben wir alle eifrig Post-Its beschrieben.

Anschließend haben wir die gesammelten Ergebnisse gemeinsam an der Wand sortiert und verdichtet. Ein bis zwei Produktreifer übernahmen dabei jeweils ein Erkenntnis-Cluster und stellten dieses vor. In der Runde wurden dann Verbesserungsvorschläge diskutiert und ebenfalls auf Post-Its notiert. So haben wir in 3,5 Stunden im Schnelldurchlauf 3 reale Zielgruppenvertreter getestet und zu den zentralen UX-Knackpunkten direkt konkrete Optimierungslösungen erarbeitet. Vollkorn Internet konnte somit direkt am gleichen Abend wichtige Learnings mit nach Hause nehmen.

Allgemeine Key Learnings des Abends:

  • Die Startseite sollte dem Nutzer kurz das Produkt erklären und dann direkt zur Produktauswahl führen.
  • Die Hauptnavigation sollte nach Prioritäten des Nutzers strukturiert werden.
    (Startseite als One-Pager wurde nicht verstanden, aktuelle Auswahl im Menü wird nicht visualisiert)
  • Affordanz für klickbaren Content sollte verstärkt werden.
    (Verlinkte, klickbare Bilder wurden nicht als solche wahrgenommen)

 

Die nächste Produktreiferei findet am Donnerstag, den 19. Mai 2016 um 16:30 Uhr bei uns statt.

Anmelden als Beobachter über unser Meetup: http://www.meetup.com/de-DE/Produktreiferei/events/229607151/

Du hast eine Produkt-Idee, die getestet werden will? http://www.eparo.de/produktreiferei

 
12. Mai, 2014

Beobachten – die Basis für nutzerzentriertes Service Design

Richtig beobachten – das ist eine der Kernkompetenzen des digitalen Service Design. Nur erfahrene Experten wissen, was sie in User-Tests be(ob)achten müssen und wie sie daraus nutzerfreundliche Konzepte entwickeln. Denn nur sie können erkennen, was nicht offensichtlich, aber oft wegweisend ist.

Geschult beobachten = Sehen, was beobachtens-wert ist

Geschult beobachten heißt sehen, was Beobachtens-Wert ist

Geschultes Beobachten: sehen, wissen, einordnen.

Beobachten ist keineswegs trivial. Und vor allem: Beobachten ist weit mehr als nur zusehen. Als Methode beruht Beobachten auf Erfahrung und Fachwissen. Geschultes Beobachten bedeutet daher zuallererst: Der Beobachter muss wissen, was überhaupt einer Beobachtung wert ist. Sehen kann man Vieles. Doch das zu erkennen, was wirklich weiterführt, ist eine Kompetenz.

Beobachtenswert ist nicht das Offensichtliche

Fast immer geht es dabei nicht um das, was offensichtlich ist, sondern um das Unerwartete, Indirekte und um das, was gerade nicht passiert. Wenn Nutzer in einem Test eine Bühne nicht beachten, einen aus Anbietersicht klaren Mehrwert nicht wahrnehmen oder einen Call to Action einfach ignorieren, dann sind genau das die Ansätze für eine nutzerzentrierte Gestaltung.

„Observation forces us to focus on the actions that we are trying to support through design, rather than the things (or services – MW) we will ultimately produce.“ (Jane Fulton Suri, Partner & Creative Director at IDEO)

Beobachtet wird die Nutzung – nicht der Nutzer

Beobachten ist eine Kernaufgabe nutzergetriebener Innovation, denn im Zentrum jeder Beobachtung stehen User. Oder besser: ihre Handlungen. Denn auf der Suche nach Design- oder Service-Innovationen zählen am Ende natürlich nicht die Eigenschaften der User (wie Alter, Einkommen etc.), sondern es zählt die Art und Weise, wie ein Nutzer mit einem Problem oder Service umgeht und interagiert. Beobachtet wird, was Nutzer tun und was sie nicht tun – und genau diese Nutzungsmuster leiten die Konzeption an.

Beobachten – die Grundzutat für digitale Innovation

Geschultes Beobachten liefert den zentralen Ansatz für eine ernsthaft nutzergetriebene Konzeption und Entwicklung digitaler Services. Zusammen mit Kreativität, Empathie, Erfahrung und handwerklichem Knowhow ist Beobachten eine Grundzutat für überzeugende digitale Innovationen.

 
24. August, 2013

Mobile Payment (2): Mobile Payment aus Nutzersicht

Beim Mobile Payment zählt die Mobilität der Nutzer, nicht die der Geräte. Das bestätigen Nutzer in unseren Interviews immer wieder. In der „Fachdiskussion“ allerdings, kommt dieser Punkt nicht vor. Alltagseinkäufe im Vorbeigehen, direkt bezahlt  über das Smartphone – nur das ist für User echtes mobile Payment. Warum man das ernstnehmen muss und welche Konsequenzen das für die Konzeption mobiler Bezahlschnittstellen hat,  zeigt der zweite Teil unserer Mobile Payment-Serie.

Mobile Payment aus Nutzersicht

Mobile Payment aus Nutzersicht

Wann ist Bezahlen eigentlich Mobile Payment?

Wer online einkauft, betreibt eCommerce. Bezahlt wird dabei – naja – sagen wir: elektronisch, jedenfalls nicht mobil. Erfolgt der Kauf vom Tablet oder Smartphone aus, spricht man von mCommerce – alles andere bleibt gleich. Aber Moment: Was ist denn mit dem Bezahlvorgang? Muss der denn jetzt nicht plötzlich „mobil“ sein und damit ein Fall von Mobile Payment? Folgt man der  allgemeinen Mobile Payment Diskussion, lautet die Antwort eindeutig „Ja“.  Der gesunde Menschenverstand allerdings und alle Nutzer, die wir fragen, sagen: „Nein, natürlich nicht!“

Was zählt ist die Mobilität der Nutzer, nicht die der Geräte!

Zahlen von einem mobilen Endgerät aus ist noch lange kein Mobile Payment – obschon natürlich Mobile Payment wörtlich genommen nichts anderes meint. Was aber zählt ist nicht die Mobilität der Geräte – denn der Kauf von zwei T-Shirts über das heimische Tablet ist ja kein ernsthaft mobiles Bezahlen. Sondern was zählt ist die Mobilität der Nutzer, also der Kauf am Point of Sale – so jedenfalls sehen es Nutzer, wenn man sie fragt.

Mobile Payment ist Micropayment

Nutzer sind da eindeutig: Zahlungen sind „mobil“, wenn sie aus einer Unterwegssituation heraus am PoS erfolgen – das bestätigen unsere Interviews immer wieder. Kernfälle für mobiles Bezahlen sind damit vor allem die Waren des täglichen Gebrauchs, der Kaffee auf dem Weg zur Arbeit, das Brötchen in der Mittagspause, die Tageszeitung und so weiter. Der sorgfältig recherchierte, neue Flatscreen gehört eher nicht dazu. Mobile Payments sind Micropayments.

Zwei Arten von Mobile Payment – und nur eine zählt!

Nimmt man diese Nutzerperspektive ernst, dann lassen sich aus Nutzersicht so zwei Arten von Mobile Payment unterscheiden:

1. Das Bezahlen im eCommerce mittels Handy oder Tablet.
2. Das Bezahlen von tendenziell kleineren, alltäglichen Waren direkt am Point of Sale – ebenfalls mittels Smartphone oder Tablet.

Und für Nutzer ist dabei klar: Echtes mobiles Bezahlen findet nur im zweiten Fall statt. Nimmt man die Nutzer ernst, ist Mobile Payment also, völlig anders als aktuell diskutiert wird, kein primär technisches Thema mehr, sondern vor allem eine Frage der Nutzung und der Nutzungssituation.

Ein Grundpfeiler für echtes Mobile Payment

Und das heißt: Aus Nutzersicht sind damit am Ende mindestens die Hälfte aller Payment Lösungen nicht ernsthaft mobil. Wer erfolgreiche Mobile Payment Schnittstellen konzipieren und entwickeln will, sollte das berücksichtigen. Ein Beispiel stellen wir im folgenden, dritten  Beitrag unserer Artikelserie vor…

Florian Scheppelmann

Florian Scheppelmann

Florian ist die gelebte Mensch-Maschine-Interaktion und interessiert sich vor allem für Intuitivität, Wissensgenerierung und aus aktuellem Anlass die Empfindung von Wertigkeit.