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19. Februar, 2013

Neuromarketing live: Schlange stehen für die neue Mailbox-App – und sich gut fühlen!

Mein Unterbewusstsein wird geködert – das weiß ich! Trotzdem stelle ich mich gerne hinten an für die neue Mailbox-App, die „Große Unbekannte“. Über 250.000 Leute stehen vor mir in der Schlange, um eine Version zu ergattern. Der Andrang schreckt mich nicht ab, sondern sorgt sogar dafür,  dass ich die App umso sehnlicher erwarte. Irgendwie verrückt? I’d say: Neuromarketing at it’s best.

Verkehrte Welt: Warten macht neugierig!

Die neue Mailbox-App zeigt uns, wie Neuromarketing in der Praxis aussieht. Aktuell ist die App in aller Munde. Nur – warum eigentlich? Die App selber hat bislang kaum  jemand gesehen – aber alle wollen sie irgendwie haben.  Lade ich die App herunter,  werde ich auf charmante Weise aufgefordert, eine digitale Wartenummer zu ziehen. Mailbox zeigt mir dann sehr deutlich an, wie viele Interessenten vor und hinter mir in der Schlange stehen. Und mein erster Gedanke ist: Wenn ich es erst einmal geschafft habe, mehr Leute hinter mich zu bringen, als vor mir zu haben, kann ich ein „Bergfest“ feiern.  Ich staune wirklich über mich. Oder besser, über mein Unterbewußtsein.

Übrigens: Gestern im Bürgeramt fühlte sich dasselbe Prozedere mit Wartenummern längst nicht so prickelnd an.

 

waiting_for_mailbox

Exklusive Gefühle: Warten verbindet!

Ich bin momentan irgendwo in den 250.000ern. Einige Rezensionen im Netz sorgen dafür, dass sich meine Vorfreude immer noch steigert – und alle warten brav mit. Gleichzeitig kommt leise ein Gefühl von Exklusivität auf: „Bald gehöre ich auch zu dem erlesenen Kreis.“ Ich will die App haben!  Sie ist das Next Big Thing und ich will dabei sein. Und die Warteschleife verstärkt dieses Gefühl. Immerhin: Ich bin damit nicht allein. Auf Twitter finden sich Gleichgesinnte:

Und ich fühle mich schwer an die Camper in der Schlange vor den Apple-Stores erinnert. Bereits Wochen, bevor das nächste große iDings erscheint.

 

Perfekte Strategie:“Bitte draußen warten, wir optimieren noch!“

Die Strategie ist einfach wie genial und dabei noch eine alte Bekannte: Verknappung gepaart mit einem cleveren Interface. Für mich ist es Neuromarketing wie aus dem Lehrbuch. Und beeindruckend daran ist: Obwohl ich es weiß, kann ich mich nicht dagegen wehren. Obschon ich durchschaue, was passiert, spiele ich vollen Herzens mit. Die Mailboxer schreiben zwar, dass sie den Dienst nur langsam ausrollen wollen, um eine möglichst stabile Experience zu gewähren, aber es erzeugt eben auch diesen interessanten Nebeneffekt. Danke Mailbox, ich warte gerne draussen – und das meine ich sogar ernst…

Was ist Mailbox eigentlich?

Ach ja, fast vergessen: Worum geht’s bei Mailbox denn eigentlich? Laut allgemeinem Hype um die Revolution der E-Mail. Faktisch werden Mails umgedeutet als Tasks interpretiert. Ein Task kann sein: Antworte mir – ich bin z.B. eine Frage – die klassische Mail also. Ein anderer Task kann das Memo an mich sein, meinen Beitrag zum Thema Neuromarketing zu schreiben. Laut einem Tweet von Gentry Underwood, einem der Designer hinter Mailbox, ist die App bereits auf Platz zwei der meist geladenen Apps des Stores.

Worauf ich sonst noch warte?

Bislang fasziniert mich vor allem mein „Warte-Ticket“ und die Hoffnung darauf, dass so ein aufgeflanschtes Interface der guten alten Mail den Staub aus dem Getriebe bläst. Mal sehen, wie es weitergeht. Wenn Mailbox seiner „Neuro-Logik“ treu bleibt, müsste sich meine Platz-Anzeige mit dem Bergfest eigentlich deutlich verändern und mir anzeigen, dass jetzt mehr Personen hinter mir als vor mir sind. Will sagen: Nicht mehr die Zahl der vor mir Wartenden müsste hervorgehoben werden, sondern die Zahl derer, die ich in jedem Fall hinter mir lasse. Dann wäre Neuromarketing in Neurodesign übersetzt – und mein Verlangen, zum Zuge zu kommen, würde umschlagen in meine Freude, besser dazustehen als andere. Und egal wie man es dreht: So einfach liegen die Dinge in meinem und unserem Kopf nun mal…

 

2 Kommentare

Markus

Spannend an dem Mailbox-Effekt ist, dass er sowohl sehr deutlich macht, dass Neuromarketing funktioniert und wie alltäglich das schon ist – und dass er gleichzeitig zeigt, dass man an das Implizite und Unbewusste nicht naiv, sondern planvoll herangehen muss.

Denn zum einen schürt das Anstehen vor der Mailbox bei den App-Anwärtern natürlich extrem hohe Erwartungen und damit einen weiteren, sehr produktrelevanten psychologischen Effekt, den die App dann einzulösen hat. Kann die App nicht überzeugen, wird die Enttäuschung nur umso schwerer wiegen – wir erinnern uns an den Niedergang des Wunderkit.

Zum anderen kommt hinzu, das der Warteschlangen-Effekt ganz sicher nicht beliebig zu verlängern ist. Wenn ich mich heute in die Schlange stelle und – wie soeben geschehen – auf Warteposition 809.651 bin, dann kann von excitement eigentlich keine Rede mehr sein. Wahrscheinlicher ist eher, das ich mich ärgere, weil die Mailboxer ein zunächst gute Idee nun überstrapazieren – so wie der anfangs gute Joke, den man am Ende ein paar tausend mal zu oft gehört hat.

Heißt: Neuromarketing – unbedingt. Aber immer mit Bedacht.

Florian Scheppelmann

Ja, absolut. Wenn man sich mal die Rezensionen auf iTunes ansieht (https://itunes.apple.com/de/app/mailbox/id576502633?mt=8), dann unterscheiden sind sich die Leute dort uneins. Diejenigen, die nicht darauf warten wollen, von denen, deren Erwartungen enttäuscht wurden, und jenen denen Mailbox schlicht und einfach gefällt. Entsprechend konnte die App sich trotz ihrer vielleicht innovativen Idee auch nur eine mittlere Bewertung sichern. Aber selbst ein Kollege, mit dem ich mich neulich über Mailbox unterhielt sagte darauf: „Selbst meine Geekness reicht nicht aus, um mich hinter die bereits 800.000 Wartenden zu stellen.“ – auch verständlich :)

Andere Entwickler sind bereits auf den Zug aufgesprungen und eifern der Mailbox-Warteschlange nach (http://www.theverge.com/2013/2/15/3993048/tempo-for-iphone-follows-mailboxs-lead-implements-reservation-system). Ich denke das wird nicht das letzte Mal gewesen sein – Aber wie du schon sagst: Es kommt darauf an, dass das Neuromarketing auch geschickt umgesetzt wird, damit sich der Effekt nicht ins Gegenteil verkehrt. Das erinnert auch an die Entwickler die Produkt zuerst fertigstellen und es erst dann auf Kickstarter promoten, um einen künstlichen Hype zu erzeugen und es erst danach aus der Schublade hervorzuholen. „Selling a dream, investing in dreamers“ wie Forbes schrieb – der Trend, zuerst Träumer zu schaffen, scheint da zu sein.

Mein persönliches Fazit fällt bisher durchschnittlich, aber freundlich aus: Ich bin jetzt seit 2 Tagen aktiver Mailbox-Nutzer und muss mich zwar noch ein bisschen eingrooven, finde aber die Idee weiterhin gar nicht schlecht, muss aber noch sehen wie es sich in meine bisherigen Arbeitspraktiken integrieren lässt.

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